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Umgang mit Coronavirus

Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf Menschen mit dementiellen Erkrankungen – Erfahrung aus der Gedächtnissprechstunde der Psychiatrie I in Innsbruck

Ältere Menschen sind durch COVID-19 besonders betroffen. Das hohe Risiko und die Gefahr für die ältere Bevölkerung und somit auch für Menschen mit hoher Demenzprävalenz spiegeln sich in den damit assoziierten Todesfällen je Altersgruppe wider (91 % waren älter als 64 Jahre). Speziell die gesetzten Verordnungen stellten PatientInnen mit Demenz und deren Angehörige vor große Herausforderungen. Um die Ansteckungsgefahr zu verringern, wurden Besuche in Pflegeheimen und Langzeitpflegeeinrichtungen verboten. Sozialdistanzierende Maßnahmen sind flächendeckend eingesetzt worden und ambulante Betreuungsangebote wurden reduziert. Folglich verloren ältere BewohnerInnen den persönlichen Kontakt zu ihren Familienmitgliedern und wurden sozial isoliert. Auf der anderen Seite mussten pflegende Angehörige aufgrund der Quarantänemaßnahmen nun teils 24 Stunden pro Tag alleine die Betreuung und Versorgung der Menschen mit Demenz übernehmen.

Mit in Kraft treten des § 2 Z 1 des COVID-19-Maßnahmengesetzes musste auch an der Gedächtnissprechstunde der Psychiatrie Innsbruck ab 16. März die ambulante Versorgung unterbrochen werden. Bis zur langsamen Wiedereröffnung am 11. Mai wurden 116 vereinbarte Patiententermine storniert, davon waren 61 PatientInnen bereits in Behandlung. Alle Betroffenen bzw. Angehörige wurden angerufen, erhielten schriftlich neue Termine, Informationen und Tipps zum Umgang mit COVID-19-Maßnahmen und zur aktiven Gestaltung der Quarantänezeit zuhause. Durch die enge Kooperation mit der Initiative „Demenz braucht Kompetenz“ wurden diese Unterlagen sofort auf demenz.tirol-kliniken.at bereitgestellt. Um die Patienten- und Angehörigenversorgung zumindest telefonisch zu gewährleisten, wurde eine tägliche ärztliche Telefonambulanz eingerichtet. Unsicherheiten und Sorgen wurden besprochen und notwendige Rezepte per Post verschickt. In diesen zwei Monaten nutzten 98 PatientInnen bzw. Angehörige (davon 37 bestehende) dieses Angebot.

 

Aus den zahlreichen Telefonaten wurden folgende Bereiche als besonders belastend berichtet:

1. Die reduzierten persönlichen Kontakte durch die Ausgangssperre – viele Angehörige berichteten von einem ständigen Gewissenskonflikt zwischen dem Wunsch den Patienten zu besuchen und der Angst, durch den Besuch das Infektionsrisiko zu erhöhen.

2. Das Besuchsverbot in den Wohnheimen führte bei zahlreichen BewohnerInnen zu Angst, depressiver Stimmung und Aggression – der Telefonkontakt konnte besonders bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz den persönlichen Kontakt in keinster Weise ersetzen.

3. Die teils gänzlich eingestellte ambulante Betreuung zusammen mit den einzuhaltenden Ausgangssperren nahmen betreuenden Angehörigen jegliche Möglichkeit, für sich selbst in der Krise Zeit und Ablenkung zu finden – viele Angehörige wurden COVID-19 bedingt zu einer 24-Stunden-Betreuung und zeigten sich dadurch überfordert.

Die Erfahrungen der vergangenen Monate haben gezeigt, dass Menschen mit Demenz wie auch ihre Angehörigen in Krisenzeiten eine besondere und umfassende Unterstützung bedürfen. Gerade für Betroffene und deren Betreuungsumfeld hatten die für den Schutz von Menschen gesetzten COVID-19-Maßnahmen auch vielfach schädliche Auswirkungen. Das Team der Gedächtnissprechstunde wird die Auswirkung der Pandemie auf PatientInnen und deren Angehörige erheben, um für die Zukunft Nützliches aus dieser belastenden Krise zu lernen.

Dr.in Michaela Defrancesco

 

Memory Nurse Verena Friedrich berichtet über ihre Erfahrungen mit COVID-19

Memory Nurses durften während dieser belastenden Zeit, Betroffene und betreuendes Personal unter strengen Hygienemaßnahmen auf den Stationen begleiten. Es war jedoch offensichtlich, wie sehr den Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen ihre Angehörigen fehlen. Als ich einen Patienten auf einer Station besuchte, sah er mich lange an und sagte: „Wo warst du denn, endlich bist du da!“ Es war klar, dass dieser Satz nicht mir galt, aber ich hörte die Sehnsucht nach einer vertrauten Person heraus.

Das Memory Netzwerk und das betreuende Personal versuchte diese Lücke mittels Telefonaten mit Angehörigen, Gegenständen von zu Hause und Gesprächen über die Familie zu schließen. Einige Familien, deren Betreuungsnetz weggebrochen war und die auf sich alleine gestellt waren, haben wir telefonisch beraten und unterstützt.

Zusätzlich haben wir auf der Demenzwebseite Informationen und Tipps bereitgestellt. Das Memory Netzwerk hat gezeigt, wie wichtig es ist, sich in einer Ausnahmesituation auf die neuen Bedingungen einzustellen und gemeinsam dafür zu sorgen, dass Menschen mit Demenz und deren Angehörige nicht alleine gelassen sind.

 

Mehr zu Demenz und COVID-19 finden Sie hier.